Entängstigen - DDr. Paul M. Zulehner's Predigt zum Pfingstgottesdienst

Der Soziologe und Theologe DDr. Paul M. Zulehner hat beim Pfingstgottesdienst eine für die jetzige politische Situation unseres Landes ausgesprochen wichtige Predigt gehalten. Er findet Antworten auf folgende Fragen:

  1. Warum leben wir in einer Gesellschaft der Angst?
  2. Warum sind Gewalt, ungezügelter Kapitalismus und Korruption letztlich die Folgen einer Urangst im Menschen?
  3. Was sind die Gründe des politischen Rechtsrucks in Europa?
  4. Wie reagieren die Regierenden?
  5. Wie könnten wir zu einer Politik des Vertrauens zurückkehren?

Hier der Text der Predigt:

 

Entängstigt euch!

Weiz, Pfingsten 2016

Prof. Dr. Paul M. Zulehner

 

Angst haben wir alle. Und das seit unserer Geburt. Eine Urangst steckt in uns, die uns ein Leben lang begleitet.

 

Urangst

Die Tiefenpsychologin Monika Renz hat sich mit dem Geborenwerden wissenschaftlich befasst.

 

  • Sie geht davon aus, dass für gewöhnlich bei einer guten Schwangerschaft ein Menschenwesen wie im Paradies lebt. Es fühlt sich in der Wärme des Mutterschoßes vorbewusst urgeborgen, voll Vertrauen ins Leben.
  • Dann kommt die Geburt. Das Menschenwesen wird aus dem Paradies vertrieben. Mit einem Urschrei tritt es in die Welt. Die Herausforderung für das Neugeborene ist gewaltig: Wird es die kalte und fremde Welt bestehen? Es ist zwar auf diese Welt rasch ganz neugierig. Aber zugleich herrscht die Grundstimmung einer Urangst.
  • Dann gilt es, dem Tohuwabohu (ich bleibe immer noch bei der Sprachbildern der Genesis) der Angst festes Land des Vertrauens abzugewinnen. Dabei spielen elterliche Menschen und die Bindung an sie in den ersten Lebensjahren eine spielentscheidende Rolle. Lernt das Kind Vertrauen, dann kann es später lieben und nicht zuletzt auch glauben. Denn beides geht nicht ohne tiefes Vertrauen – in einen geliebten Menschen, in Gott selbst.
  • Renz ist Therapeutin für Menschen, denen es nicht gelingt, hinlänglich Land des Vertrauens zu gewinnen. Solche greifen unweigerlich, schreibt sie in ihrem lesenswerten Buch „Erlösung aus Prägung“ (Paderborn 2008) zu Selbstsicherungsstrategien. Diese sind im persönlichen Leben Gewalt, Gier und Angst. Durch Gewalt beseitigen wir physisch oder auch verbal, was uns bedroht. Die Gier hilft uns, einen materiellen Schutzwall aufzubauen, hinter dem wir uns verschanzen und absichern. Und die Korruption ist das Spiel der Täuschung der anderen Menschen, die uns bedrohen. Wir stellen uns anders dar, als wir sind. Diese drei Selbstsicherungsstrategien gibt es auch politisch. Dann ist Gewalt Terrorismus, Gier ist ungezügelter Kapitalismus, Korruption ist umfassende Bestechlichkeit und Unehrlichkeit.
  • Das ganze Leben lang spielt sich also das Schauspiel ab, eine lebbare Balance zwischen Angst und Vertrauen herzustellen. Dabei sitzt die Angst im Bauch, ist irrational und unterscheidet sich von der rationalen Furcht dadurch, dass sie Argumenten kaum zugänglich ist.

Kultur der Angst

Wie wir mit unserer Urangst fertig werden, hängt nicht nur von jeder und jedem einzelnen Menschen ab, sondern auch vom kulturellen Klima. Der französische Politologe Dominique Moisi hat vor wenigen Jahren schon einen Bestseller mit dem Titel „The Geopolitics on Emotion“ – „Weltpolitik basiert auf Emotionen“ veröffentlicht. Dort vertritt er die These, dass es weniger Argumente, sondern weit mehr als uns lieb ist, Gefühle sind, welche die Weltpolitik steuern. Dann macht er sich auf eine Tour durch die ganze Welt und beschreibt die dominanten Emotionen.

 

In China dominiere – nicht in den Regierungen, wohl aber in den Bevölkerungen, Hoffnung. „A Culture of hope“ sei tpyisch für Asien, Indien, China, Korea.

 

Anders die Arabische Welt. Diese sei derzeit durch eine „Culture of humiliation“, eine Kultur der Demütigung geprägt. Die Folgen seien Fatal. Der Terror Islamistischer Kräfte gegen den Westen seien durch diese Demütigung gespeist. Lokal freilich spielten sich Konflikte sozialer Art ab, die durch die „Konfessionen des Islams“ verschärft werden. Vor allem Schiiten und Suniten stünden miteinander im Krieg, der Iran gegen Saudi-Arabien. Es ist ein Konfessionskrieg, der allerdings bislang durch die Grausamkeiten des 30jährigen Kriegs in Europa nach der Reformation überboten wurde.

 

Und Europa? Die Entwicklungen in Westeuropa und Osteuropa sind in den letzten Jahrzehnten unterschiedlich verlaufen. Osteuropa war lange im kommunistischen Machtbereich. Dort herrschte eine Kultur der Angst. 1989 war für so viele ein Aufatmen. Hoffnung keimte auf. Jetzt konnte Osteuropa das Joch der Fremdbestimmung abwerfen und als Land mit eigener Kultur wieder aufblühen. Um gegen solche Entwicklung gefeit zu sein, sind sie schnell in die Europäische Union eingetreten. Vor allem um bei der NATO sein zu können und am wirtschaftlichen Aufstieg der EU teilhaben zu können. Zugleich lehnen sie allergisch Fremdbestimmungen wie in kommunistischen Zeiten ab; also, auch wenn sie aus Brüssel kommen. Das ist der Grund der angstbesessenen Renationalisierung osteuropäischer Länder und die Ablehnung etwa von Flüchtlingsquoten. Es ist, wie sich zeigt, wieder die dermal politische Angst, welche vor allem die Vysegradländer Ungarn, Polen, Tschechien und die Slowakei entsolidarisieren.

 

Anders der Westen: Nach dem zweiten Weltkrieg gab es ein rasches Aufblühen der Hoffnung. Das Wirtschaftswunder stellte sich ein. Europa einigte sich dabei euphorisch. Siebzig Jahre Frieden sind eine einmalig lange Zeit.

 

Dann kam die Finanzkrise 2008. Erst jetzt einte sich Europa kulturell – und zwar indem beide Teile gemeinsam von der Kultur der Hoffnung in eine Kultur der Angst kippten. Amerika war schon durch 9/11 2001 gekippt. So herrschen heute in Amerika und in Europa eine „Kultur der Angst“. Es ist die Angst vor dem sozialen Abstieg bei der mittleren und unteren Mittelschicht, die Angst um Arbeitsplätze und dass Wohnen nicht mehr erschwinglich ist. Es ist die Angst junger Männer, die fürchten, keine Familie mehr gründen zu können und in ihrer Identität als Berufsmänner gefährdet zu sein. Es ist nicht zuletzt die Angst vieler, in einem kurzen Leben von 90 Jahren mit der Suche nach himmlischem Glück zu kurz zu kommen (wie Marianne Gronemeyer beschrieben hat).

 

Das führt in den Bevölkerungen Europas dazu, dass im kulturellen Klima der Angst die in jedem Menschen im Land lauernde Urangst genährt und gesteigert wird. Es ist die Zeit gekommen, in denen Menschen, die dem Volk, dem populus – populistisch also - Sicherheit versprechen. Ganz Europa erlebt derzeit politisch einen Rechtsruck. Rechte politische Gruppierungen machen bespielen die wachsenden Ängste der Menschen, gewinnen Wahl um Wahl, auch wenn sie keine reale, sondern lediglich eine verbale Zukunftssicherheit versprechen. Regierende bekommen angesichts solcher Entwicklungen selbst „Existenzangst“. Sie fürchten, ihre Regierungsmehrheit zu verlieren. Daher wenden sie sich von einer weitsichtigen Politik des Vertrauens ab und machen nun selbst eine Politik der Angst. Dass sie dabei ihre Prinzipien verraten, merken sie. Aber der Machterhalt ist ihnen wichtiger als die Werte, für die sie angetreten sind. Dann hören Sozialisten auf sozialistisch zu sein, und Christdemokraten hören auf christlich zu sein. Der Teufelskreis der Angst schließt sich. Die geburtliche Urangst, die dominante Kultur der Angst sowie die Politik der Angst führen zu einer beängstigenden Gesamtentwicklung. Angst aber macht eng, schließt ab, schottet ab, errichtet Zäune, hat Angst vor der Islamisierung Europas, Angst davor, dass muslimische Frauen dank ihres Kinderreichtums das kinderarme christliche Europa „niedergebären“. Es ist die Angst vor wachsender Kleinkriminalität durch Asylanten, die einerseits nicht zurückkönnen und andererseits zum Nichtstun und zur Armut verurteilt sind, vor der Ausbeutung des überforderten Sozialstaates, Angst vor importieren Krankheiten, nicht zuletzt Angst vor Terrorismus und sexuell übergriffigen Fremden.

 

Politik des Vertrauens

Europa, und darin unser Land wird aber nur eine friedvolle Zukunft haben, wenn es uns gelingt, Gerechtigkeit für alle zu schaffen – für die Einheimischen wie für die Schutzsuchenden. Es braucht eine Politik, die den Menschen die Angst nimmt vor Arbeitslosigkeit und Obdachlosigkeit. Dazu reicht nicht das Abwehren., Es braucht couragiertes sich Einsetzen. Wo bleibt unsere Arbeitsmarktpolitik? Wo eine gezielte Wohnbaupolitik? Was tun wir, um jene, die ein Bleiberecht erhalten, sich rasch integrieren können und so unserem Land auch etwas zurückgeben können? Investieren wir engagiert in die Deutschkenntnisse der dazugewonnenen Menschen? Schätzen wir deren kulturellen Reichtum, den sie mitbringen und der auch unsere Kultur reicher machen kann? Warum bestaunen wir nicht die Glaubensstärke muslimischer Jugendlicher und lernen von ihnen, unser bequem gewordenes Christentum konsequenter zu leben als in den letzten Jahrzehnten?

 

Freilich, eine solche Politik des Vertrauens braucht Wählerinnen und Wähler, die randvoll sind mit Vertrauen. Daher steht am Anfang aller kommenden Entwicklung die Frage: Wird es uns im Land gelingen, dass nicht mehr und mehr Menschen in den Strudel der Angst gerissen werden? Noch mehr: Inzwischen lautet die Hauptfrage angesichts der schnell gewachsenen Zahl der Verängstigten im Land: Wie kann es gelingen, Menschen aus dem Angsteck herauszulieben, sodass sie nicht hetzen, sondern helfen, nicht abwehren, sondern sich einsetzen?

 

Gegen die Angst hilft kein Moralisieren. Die Moral erreicht den Verstand, nicht den angstverwirrten Grund des Herzens. Angst kann lediglich geheilt werden.

  • Dazu kann eine Politik des Vertrauens helfen: das Ringen um einen Waffenstillstand, keine Waffenlieferungen mehr, ein Marshallplan für Syrien für Frauen wie jene, die mir unlängst erzählte, sie habe so sehr Heimweh nach ihren Aprikosenbäumen in Syrien.
  • Helfen kann eine Herzensbildung, die Vertrauen schafft, politische Bildung, die verkümmert ist. Interreligiöse Bildung – es muss künftig nicht nur die Bibel, sondern auch der Kor’an gelesen werden. Dazu empfehle ich gute Publikationen von Lehrern eines Europäischen Islams, wie beispielsweise das Buch von Muhamad Korchide aus Münster mit dem Titel „Islam ist Erbarmen“.
  • Das beste Mittel zur Heilung von bedrängender Angst aber sind Begegnungen und Feste. Weiz hat hier selbst schon vorgespurt. Das Fest Styria for Syria ist ein gelungenes Beispiel. Ich hatte vor wenigen Wochen das Glück, ein 13jähriges unbegleitetes Mädchen aus Südafghanistan kennenzulernen. Mich hat ihre Geschichte sehr berührt. Was wäre es für ein Segen für das Land, wenn alle Politiker, auch der künftige Bundespräsident, mit solchen Personen in Kontakt kämen. Sie könnten sich deren bewegenden Geschichte anhören, die den Panzer der Angst durchdringen und das gute Herz erreichen, das Gott in jedem Menschen eingeschaffen hat.
  • Ein wertvolles Heilmittel der Angst ist, wenn Menschen mit unterschiedlichen Religionen miteinander beten. Sie haben dabei ein festes gemeinsames Fundament, das Erbarmen Gottes. Für die Buddhisten ist der Dalai-Lama der Botsvattha des Buddhas des Erbarmens. Die Juden sehen das Innerste in Gott, seinen Mutterschoß rechem, als Erbarmen – rachamim ist derselbe Wortstamm. Die Muslime rufen am Beginn jeder Sure Allah den Allerbarmer an. Und Jesus wirbt bei den Frommen darum, Gott als Vater des Erbarmens zu sehen. Könnte es sein, dass auch unser Innerstes ein Herz des Erbarmens, ein warmes Herz also ist, weil wir Gottes Ebenbilder sind: und zwar alle Menschen, ausnahmslos?

Ich bin in diesen pfingstlichen Tagen froh, dass es im Land eine Kirche gibt, die sich um die Schutzsuchenden nicht herumdrückt. Natürlich ist es nicht immer einfach. Die Menschen kommen aus einer anderen Kultur, sind traumatisiert. Sie haben zumeist einen starken Überlebenswillen. Unsere Kirche könnte inmitten einer Kultur der Angst eine heilende Gegenkultur der Hoffnung aufbauen. Eine gläubige Willkommenskultur, weil wir alle Gott willkommen sind. Der Weg der Kirche kann daher, um es in der Sprache von Weiz zu sagen: A Way of Hope sein. Dazu möge vielen in dieser Stadt und den Gemeinden, aus denen sie alle heute gekommen sind, der Heilige Geist gegeben werden. Er ist ein Geist der Kraft und der Stärke, des Mutes und des Vertrauens, der Entängstigung also.

 

Amen.